Ein Tag auf der Mahü

Für die Tätigkeit hatte ich eigentlich nur eine halbe Stunde eingeplant; denn ich war davon ausgegangen, dass Konsum von unserem System ausreichend unterstützt wird, man folglich auf keinerlei Probleme stößt.

Zwei Dinge galt es auf der Mariahilfer Straße (von Einheimischen gern als „Mahü“ bezeichnet) zu besorgen:

1. Einen Adapter XLR auf kleine Klinke, damit ich mein Mikrofon endlich an meine Panasonic-Kamera anschließen kann.

2. Das neue Tocotronic-Album „Kapitulation“

Da es sich einerseits um Technik und andererseits um Musik handelte, führte mich mein Weg in den Cosmos. Dort ging ich – da es sich ja schließlich um Videoequipment handelt – in die Videoabteilung. Die dort zuständige Dame verwies mich aber rasch in die PC-Abteilung, die hätten „die ganzen Kabel“.

Dort angekommen, musste ich schon recht bald erkennen, dass der Zuständige über die neueste Tarnkappen-Technologie verfügt: einem Stealth-Bomber gleich erkennt er, wenn sich ein übermächtiger Feind (nämlich ich, der Kunde) nähert.
Ich wartete rund 20 Minuten, irgendwann fand ich ihn, an einem PC stehend, Arbeit vortäuschend.

Ob er einen XLR-Adapter habe?

„XL-was?“

Ich bleibe geduldig: „XLR. Das Format für Mikrofone.“

„Und auf welche Klinke?“

„Kleine“

„Sie brauchen also kleine Klinke auf Cinch?“

„Nein. XLR auf kleine Klinke.“

„Dann müssen sie in eine andere Abteilung, zwei Stockwerke höher.“

Da war ich dann auch. Fand lange niemand, schließlich doch, der hatte auch keine Ahnung. Also ging ich wieder.

Ähnliche Erfahrung in der CD-Abteilung:

„Haben sie das neue Abteilung von Tocotronic?“

Er kennt die Tocos nicht: „Wie schreibt man des?“

Ich buchstabiere: „T – O – C wie Cäsar…“

„Zwei C?“

„Nein nur eins“, meine ich, schon ein wenig gereizt.

Er schaut in seinen Computer und meint triumphierend: „Käpitülejschn?“. Man darf dem guten Mann seine Bemühungen, „Kapitulation“ so amerikanisch-englisch wie möglich auszusprechen, nicht übel nehmen. Schließlich braucht er als Angestellter einer Musikabteilung wirklich nicht die prägendste deutsche Band der Gegenwart kennen. Interessiert ja keinen.

Ähnliche Erfahrungen machte ich in rund sieben weiteren Geschäften, allesamt Outlets großer Konzerne. Man muss das so sehen: an und für sich hätte ich das Album natürlich auch bei Amazon bestellen können – aber ich ziehe beim Musikkauf nun mal vor, das Ding in der Hand zu halten, bevor ich dafür zahle, mit den Verkäufern vielleicht ein wenig zu plaudern, dann zuhause triumphierend die Plastikverpackung herunter reißen und genießen. Hätte ich nun doch online bestellt, so hätte Sänger Dirks Text zu „Kapitulation“ wohl eine neue Bedeutung für mich bekommen.

Fündig geworden bin ich dann aber doch im Saturn, die das Album gleich in Normal- und Limited-Edition hatten, sowie auf Vinyl. So wünsche ich mir das; ach ja: und den XLR-Adaper hatten sie auch. Das Glücksgefühl nach rund fünf Stunden Suche lässt sich kaum beschreiben.

Warum ich das jetzt hier niederschreibe: ich möchte eine Verschwörungstheorie in den (virtuellen) Raum stellen. Nämlich, dass diese Odyssee organisiert gewesen ist. Denn der Kapitalismus hat kapiert, dass Produkte alleine nicht reichen, Marketing und Marken im klassischen Sinn lassen ebenfalls nach. So wurde der „Erlebniseinkauf“ auf Basis eines Odysseus-Scripts geschaffen: wir suchen ewig, und wenn wir schließlich ans Ziel kommen, kriegen wir deswegen fast einen Orgasmus und sind folglich auch noch dankbar dafür, dass wir Geld dalassen dürfen.

Mag sein, dass diese Theorie Schwachsinn ist.

Aber andenken wollte ich zumindest mal.

Man weiß ja nie…

PS: Das Album ist super. Kauft es Euch – bevorzugt in einem dieser kleinen CD-Läden, von denen in den letzten Jahren leider viel zu viele zusperren mussten.