Apr 6 2012

Große, bunte Kacheln

Stefan Mey

“Start me up” – mit diesem Song der Rolling Stones läutete Microsoft im Jahr 1995 eine neue Ära des PC-Lebens ein: Der “Start”-Button für Windows war geboren und wurde beworben, und mit ihm eine zusätzliche Taste auf jeder Computer-Tastatur, die nicht von Apple produziert wurde. Anfangs galten Taste und Start-Menü noch als radikale Innovation – dann gewöhnten sich die User daran, und nun sind sie nicht mehr weg zu denken. Man möchte fast im Stil eines Asterix-Comics sagen: Die gesamte PC-Welt ist von Start-Menü und Start-Button besetzt… Die ganze PC-Welt? Nein.

Denn Microsoft hat es sich anders überlegt. Radikal gesagt: Der Start-Button ist weg. In der September 2011 erschienen Developer Preview des vermutlich im Herbst erscheinenden Windows 8 war zumindest eine abgespeckte Version noch zu sehen; nun – in der Consumer Preview – fehlt er komplett. Start des Start-Menüs gibt es nun die Metro-Oberfläche – eine wilde Ansammlung von großen, bunten Kacheln.

Das mag für Microsofts Pläne Sinn machen. Denn man will nun nicht mehr bloß PC-User ansprechen, sondern auch den Tablet-PC-Markt – derzeit noch von Apples iPad dominiert – erobern. Und da müssen große, bunte Kacheln her – denn sie sind mit dem Zeigefinger weit leichter anwählbar.

Aber: Ist das auch im Sinne des Konsumenten? Ein Video lässt Zweifel aufkommen. In diesem ist ein Pensionist zu sehen, der das erste Mal mit Windows 8 konfrontiert wird. Anfangs ist er noch begeistert vom neuen Design, doch als er zwischen Metro-Oberfläche und Desktop hin und her schalten möchte, ist er sichtlich überfordert. Am Ende der quälend langen Suche fragt er seinen Sohn, wer sich das ausgedacht habe. “Microsoft”, antwortet dieser; worauf die Frage folgt: “Also wollen die, dass ich zu Apple wechsle?”

Sicher: Tablets sind cool. Mobiles Arbeiten auch. Und bunte Farben, Cloud Computing und Social Networks sowieso. Aber Microsoft sollte sich vor Fertigstellung des Produkts einer Sache bewusst sein: Early Adopter sind nur ein kleiner Teil der Bevölkerung; und den Rest der Menschheit wird man mit viel Mühe überzeugen müssen – zur Not halt wieder mit einem Rolling Stones-Song.


Dec 22 2011

Globalisierung ist nicht überall

Stefan Mey

Lasst uns über Fernbeziehungen sprechen: Die neue Welt, das Zeitalter der Moderne, ist wundervoll. War es vor wenigen Jahren noch Usus, dass Expats wochenlang kein Wort von ihren Liebsten zuhause hörten, dass man altertümliche Geräte namens „Telefon“ verwendete, um zu hohen Kosten in schlechter Qualität eine Stimme am anderen Ende der Welt zu hören – falls der Besitzer der Stimme zu diesem Zeitpunkt zufällig gerade zuhause war -, so ist heute alles mobiler, verfügbarer und vor allem preiswerter.

Auf meinem Handy habe ich eine mobile Internetverbindung, mit der ich stets Zugriff auf Emails, Facebook und Twitter habe. Per Foursquare und Google Latitude teile ich ausgewählten Menschen mit, in welchem Hotel oder Restaurant ich mich gerade befinde. Und fast täglich habe ich mit meiner Liebsten zuhause ein Skype-Frühstück. Das bedeutet: Einander hören, und sehen, gratis. Sicher ist das nicht so schön wie ein echtes gemeinsames Frühstück – aber es nimmt einiges vom Trennungsschmerz ab.

Skurrilerweise beschweren wir uns sogar manchmal. Etwa, wenn eine vom Smartphone verschickte Email nicht so schnell das andere Ende der Welt erreicht wie ein gesprochenes Wort am Frühstückstisch. Oder wenn eine gratis Videokonferenz zwischen Indien und Wien nicht zustande kommt, weil die Wienerin gerade in der U-Bahn sitzt und die 3G-Verbindung am Smartphone gerade stockt. Aber seien wir uns ehrlich: Das ist Jammern auf hohem Niveau.

Wirklich verrückt ist hingegen, wie weit neue, web-basierte Technologien und herkömmliche Tarifmodelle auseinander klaffen. Beispiel gefällig? Gerne.

Videotelefonie mit dem anderen Ende der Welt: Gratis.

Telefonanruf zum Jahrestag über einen österreichischen Anbieter: Knapp 70 Euro.

Dieser Betrag entspricht dem Äquivalent von rund 50 Mahlzeiten in einem indischen Mittelklasse-Restaurant. Und wenn man mit dem gleichen Anbieter in Indien telefoniert, wird es nicht gerade billiger: Rund zwei Euro kostet das pro Minute – für das Geld kann man zwei Mal zwischen Mumbai und Matheran mit dem Zug hin- und herfahren.

Dieser Blogpost ist keine Aufforderung an die Mobilfunkbetreiber, die Tarife für Auslandsgespräche zu senken. Ich verstehe schon, dass die Umsätze eingebrochen sind, als man uns in Österreich über Dumping-Preise in den vergangenen Jahren zu Vieltelefonierern erzogen hat; und ich verstehe auch, dass teures Roaming innerhalb der EU dank der Konsumentenschützer nun nicht mehr möglich ist – irgendwo muss also der Umsatz her kommen.

Aber ich weise gerne dahin, dass die Adaption an die fortgeschrittene Globalisierung bei unterschiedlichen Technologien in unterschiedlichen Teilen der Welt unterschiedlich stark stattgefunden hat  – und dass der Homo Oekonomikus rational entscheidet, wir also künftig lieber gratis videotelefonieren, statt unser Reisebudget für solche Sinnlosigkeiten zu plündern.


Oct 20 2011

Leapfrogging in echt

Stefan Mey

Gestern sind wir von Bombay nach Bangalore gereist. Mit dem Zug. Das dauert 24 Stunden – zahlt sich aber aus, weil man erstens einen tollen Blick auf die Landschaft abseits der Metropolen erhaschen kann, und zweitens immer wieder mit interessanten Leuten ins Gespräch kommt, oder diese zumindest beobachten kann.

So kam es, dass irgendwo auf halber Strecke zwei alte Damen und ein alter Herr zustiegen. Die beiden Hausfrauen trugen traditionelle Saris, ebenso wie gewaltigen Nasenschmuck, und schienen aus einer ländlichen Gegend zu kommen. Man beäugte einander vorsichtig, versuchte sich in Gesprächen: Woher wir kommen? Und wohin wir fahren? Dann widmen sich die Seniorinnen wieder ihrem Gespräch – bis irgendwann ein Handy läutete, die Dame es aus ihrer Handtasche fischte und zu telefonieren begann.

Mobilfunk ist überall in diesem Land, selbst bei der ländlichen Bevölkerung. Und auch andere neue Technologien etablieren sich: Als wir an einem Slum in Bombay vorbei spazierten, erblickte ich die Werbung eines indischen Mobilfunk-Anbieters, der den raschen Zugriff auf Facebook pries – darunter: Wellblechhütten, Dreck, Armut. “Kein sauberes Klo haben, aber stattdessen ein Facebook-Konto”, dachte ich mir da kopfschüttelnd.

Zurück zum Zug: Dass wir selbst mit unseren Smartphones spielten, war für die alten Damen normal. Für Verwirrung sorgte aber dieses etwas größere leuchtende Kastl, das ich dabei hatte. “Computer?”, fragt die eine fragend den begleitenden Mann. “Laptop”, sagte er wissend. Und sie wiederholte staunend: “Laptop…”. Handys kennen sie, Laptops nicht. Man hat einfach eine Generation der Bildschirme übersprungen – das ist Leapfrogging, wie es im Buche steht.

Anlässlich solcher Situationen drängt sich die frage auf: Was ist eigentlich aus der “One Laptop per Chield”-Initiative des MIT-Professors Nicholas Negroponte geworden, mit der jedem Kind in Entwicklungsländern ein Laptop zur Verfügung gestellt werden soll? Und die wohl passendste Antwort auf diese Frage lautet: Wurscht.

Denn inzwischen arbeiten Länder wie Indien slebst an der Lösung der Probleme: Handys und Smartphones haben hier selbst den Sprung in die Bevölkerung geschafft, während Computer und Laptops nach wie vor ein unbekanntes Gut bleiben. Und sollte der Anfang Oktober vom indischen Bildungsministerium vorgestellte Billig-Tablet-PC (um rund 60 Dollar statt ursprünglich geplanter 30 Dollar) ebenfalls von den Massen angenommen werden, so werden westliche Besucher wohl auch in Zukunft mit ihren Laptops für ungläubige Blicke sorgen – aber weniger aus Faszination für moderne Technologie, sondern aus Unverständnis für die Verwendung eines derart veralteten Geräts.


Oct 14 2011

3G in der Hosentasche

Stefan Mey

Seit gestern fühle ich mich wieder halbwegs vollkommen. Denn nun habe ich wieder eine Handynummer inklusive 3G-Vertrag, kann also auch während wagemutiger Rikschafahrten durch den Monsun gemütlich im Internet surfen oder Emails schreiben. Der Weg dahin ist steinig.

Während in Österreich Wertkarten-Handys ganz ohne Ausweis erhältlich sind, muss man in Indien schon eine halbe Dokumentenmappe unter dem Arm haben. Allein für den Sprachtarif ging ich mal in einen dieser zahlreichen Cornershops, die Mobilfunk-Angebote vertreiben. Der Verkäufer forderte von mir: Passkopie, Visakopie, Meldezettel oder aktuelle Hotelrechnung, sowie ein Passbild. Letzteres hatte ich nicht, spazierte also gleich in einen anderen Cornershop, in dem ich für rund 50 Rupees (weniger als ein Euro) acht Fotos machen ließ.

Wieder beim Handy-Inder angelangt, legte ich ihm nochmals alle Dokumente inklusive Passfoto vor. Sein Kollege tippselte etwas in sein Nokia-Gerät und verkündete, in einer halben Stunde könne ich telefonieren. Ob ich auch 3G haben könne, frage ich anschließend. Zuerst heißt es, ich müsse 48 Stunden warten, bis ich 3G beantragen könne. Dann wirft er einen Blick auf mein Smartphone – ein HTC Desire – und verkündet selbstbewusst, dieses sei gar nicht 3G-tauglich.

Weil ich es besser weiß, bin ich gestern noch in einen Vodafone-Shop spaziert. Diesmal kein Corner-Shop, sondern ein klimatisierter Point-of-Sale, der mit österreichischen Standards vergleichbar ist. Ich muss eine Nummer ziehen, warten, damit mir schließlich ein freundlicher Mitarbeiter sagt, ich solle eine SMS an eine Telefonnummer schicken und anschließend mein Wertkarten-Guthaben aufladen – dies allerdings bei einem anderen Mitarbeiter, Zahlung und Leistung sind in Indien meist getrennt, um Korruption zu verhindern. Wieder warten, dann in bar bezahlen.

Heute piepste es dann um acht Uhr morgens: SMS, dass mein 3G aktiviert ist. Hurra. Allerdings gibt das Erlebnis zu denken: Nämlich, dass trotz des Verwaltungsaufwands der Mobilfunk derart in Indien boomt. Doch andererseits: Werden Wertkarten eine Zeit lang nicht verwendet, so verfallen sie; und innerhalb der einzelnen Bundesstaaten fallen Roaming-Gebühren an, wenn man in eine andere Region reist – auch wir tragen derzeit etliche SIM-Karten verschiedener nicht-indischer Freunde mit Anmeldung in verschiedenen Bundesstaaten mit uns herum, um diese aktiv zu halten, damit sie nicht deaktiviert werden.

Zu einem gewissen Teil des Booms tragen somit wohl Geschäftsleute bei, die nach und innerhalb Indiens reisen – und sich nicht alle paar Monate erneut in einem Cornershop registrieren wollen. (Stefan Mey)


Sep 14 2011

Mit Apple gegen Apple ist ein No-Go

Stefan Mey

Apple hat ein weiteres Spiel aus seinem App Store geschmissen. Das wäre an und für sich nichts Besonderes, wenn es sich dabei nicht um “PhoneStory” handeln würde – ein Spiel, das sich mit dem Produktions- und Entsorgungsweg eines Smartphones beschäftigt. Vom Coltan-Abbau in Afrika und den Produktionsbedingungen in China über die Schaffung eines Marken-Hypes bis zur Entsorgung des Elektroschrotts wird Aufklärungsarbeit rund um die moralische Bedenklichkeit der i-Produkte betrieben.

Das ist eine noble Aktion; und auch das WirtschaftsBlatt hat schon über Coltan-Abbau und die Zustände bei Foxconn berichtet – ungut ist nur, wenn das Zielobjekt der Kritik zugleich der Kommunikationskanal ist – so hatte Apple keine Probleme, die App aus dem Store zu entfernen. Allerdings, so berichten US-amerikanische Blogs, führt Apple auch Gründe an:

  1. Apps, die Gewalt darstellen, werden zurückgewiesen
  2. Apps mit beleidigendem Inhalt werden zurückgewiesen
  3. Apps, die das Spenden an NGOs ermöglichen, müssen gratis sein
  4. Die Spenden müssen über eine Website in Safari oder per SMS gezahlt werden

Bezüglich der Punkte 3 und 4 weisen die Entwickler von Phone Story darauf hin, dass es nicht möglich ist, innerhalb der App zu spenden – man habe nur auf der eigenen Website versprochen, einen Teil der Erlöse an entsprechende NGOs zu überweisen.

Bezüglich der Punkte 1 und 2 überlege man eine neue Version der App, die weniger Gewalt enthält und sich weniger mit Kinderarbeit auseinander setzt. Kinderarbeit also thematisieren, ohne Kinderarbeit zu thematisieren? Gewalt ohne Gewalt? Das dürfte recht schwer umzusetzen sein.

Aber gut: Wem diese “exzessive Gewalt” in PhoneStory abgeht, der kann ja dazwischen zu einem der anderen derzeit top-platzierten Spiele im App Store greifen: Etwa das Kriegsspiel “WorldWar” oder der Ego-Shooter “iSniper 3D”, bei dem in realistischer Grafik die Gegner per Kopfschuss erledigt werden müssen. Daran scheint man sich in Cupertino deutlich weniger zu stören.

Aus Gründen der Effizienzmaximierung erschien dieser Beitrag auch in der TechZone des WirtschaftsBlatt, meinem aktuellen beruflichen Zuhause.


Sep 13 2011

Nerd-Musik zum Feierabend

Stefan Mey

Heute haben Electronic Arts die Trackliste für den Soundtrack des Computerspiels Fifa 12 bekannt gegeben – eine Sammlung von 39 Künstlern aus 15 verschiedenen Ländern, die sich in eine “Hall of Fame” der Gaming-Musik einreihen: Blur haben hier mit “Song 2″ schon ebenso gerockt wie Air mit “Surfing on a Rocket” daher gedriftet sind. Ohne Zweifel schafft EA hier jedes Jahr von Neuem das Kunststück, Sport, Gaming und Musik unter einen Hut zu bringen. Jedoch: Echte Nerd-Musik schaut anders aus.

Das zeigt zumindest die Band Umlala mit ihrem Song “My PDF-Files”. In bester Beatie Boys-Manier schreit der Sänger hier die Frage ins Mikrofon, wie man denn ein PDF in ein JPG umwandle – um daraufhin von einem kräftigen Männer-Chor die Antwort zu bekommen, die genervte Kollegin in solchen Situationen stets von sich geben: “I don’t know!” In späteren Teilen des Songs finden sich noch philosophische Fragen wie: “Welches Format soll ich wählen, um Glückseligkeit zu finden?”

Ergänzt wird der absurde Song durch ein recht aufwändig produziertes Video mit einer Keyboard-spielenden Katze, sowie Anspielungen auf die Filme “Matrix” und “Tron”. Halt alles, was das Nerd-Herz so begehrt.

In dem Sinne: Viel Spaß beim Anhören – und angenehmen Feierabend.




Sep 6 2011

Es versetzt mich irgendwie in eine nostalgische Stimmung…

Stefan Mey

…dass Nokia sich auf die Suche nach einem neuen Klingelton für seine zahlreichen Geräte macht. Mehr dazu im aktuellen Blog der WirtschaftsBlatt-TechZone, also hier.


Aug 20 2011

Indische Apps sind anders

Stefan Mey

Gestern war ich auf TechSparks, dem von YourStory organisierten Event rund um Tech-Startups in Indien – da ich den ganzen Tag über mit Netzwerken, Lauschen und Wow-Denken beschäftigt war, kam ich dementsprechend nicht zum Bloggen. Die Eindrücke waren einfach sehr faszinierend – etwa der Markt für Apps.

Denn bei der Präsentation der besten zehn Apps in der “Apps4India”-Challenge wurden die beste Handy-Programme des Landes ausgezeichnet. Schon im Vorfeld und auch während der Verantsaltung hatte ich mit einzelnen Unternehmern aus diesem Segment gesprochen. Was mir dabei aufgefallen ist: Viele dieser Projekte sind Äquivalente zu bereits bestrehenden Ideen aus dem Westen. Etwa gibt es viele Apps aus dem Bereich der Location Based Services, die es dem Erfolgskonzept von Foursquare gleichtun wollen. Oder es gibt Handy-Programme rund um das Thema Shopping. Und dann gibt es im Gegenzug auch Apps, die einfach nur authentisch indisch sind.

Etwa die App “Krishna 3D”, die derzeit in Apples App Store (und demnächst auch im Web als Browser-Version) erhältlich ist. Hier ist ein Krishna-Tempel liebevoll in Form eines 3D-Spiels dargestellt; die User können nicht nur auf dem virtuellen Tempelgelände spazieren gehen, sondern auch Opfer in einer geregelten Zeremonie darbringen. “Natürlich ist das nicht so viel wert wie eine reale Zeremonie in einem echten Tempel”, sagt mir Girish Dhakepalkar, Direktor des verantwortlichen Unternehmens Shoonya 3D: “Aber es ist etwa phantastisch für meine Großmutter, die zu alt ist, um persönlich zum Tempel gehen”. Ich selbst bringe nun auf meinem iPod täglich virtuelle Opfergaben dar – und habe darin weit mehr Erfolg als in der echten Welt (mehr dazu evnetuell in einem anderen Artikel).

Hier arbeite ich täglich an meinem Seelenheil.

Hier arbeite ich täglich an meinem Seelenheil.

Eine andere sehr indische App ist “Tuk Tuk 2″: Hier kann über ein GPS-System festgestellt werden, wie weit der Zielort entfernt ist und entsprechend der optimale Preis für eine Tuk Tuk-Fahrt berechnet werden – verhandeln muss man dann zwar noch selbst, aber zumindest gibt es eine gute Basis für das Feilschen mit dem Fahrer. Wenn ich in naher Zukunft mal mobiles Internet habe, werde ich mir die App wohl auch installieren.

Andere vorgestellte Apps bestanden etwa aus einem TV-Programm für Indien, oder einem mobilen Zugriff auf die indischen Zugfahrpläne. Und wieder eine andere App konzentrierte sich darauf, das Lernen von Konsonanten der Sprache Hindi zu vereinfachen – da ich selbst aber noch nicht wirklich vorhabe, diese Sprache zu erlernen, habe ich diese App noch nicht selbst getestet.


Jul 18 2011

Skype ist gelebte Globalisierung

Stefan Mey

Sag alles ab. Diesen Satz haben die Hamburger Tocotronic, Helden meiner postpubertären Selbstfindungsphase, in einen wütenden Rocksong über Verweigerung jeglicher Leistungsbereitschaft gegossen. Und den Titel des Songs auf ein T-Shirt gedruckt, welches ich als waschechter Fan selbstverständlich besitze. Kleines Teil-Lebensziel meinerseits: Dieses T-Shirt mal irgendwann zu einem Bewerbungsgespräch tragen, und den Job trotzdem kriegen. Mein Traum erfüllte sich vor rund zwei Monaten, als ich mich mit der Inhaberin von yourstory.in zu einem Skype-Bewerbungsgespräch traf. Mein Glück: Sie spricht kein deutsch; und so kommt es, dass ich trotz meines kleinen Schabernacks ab Oktober Chefredakteur eines indischen Online-Mediums bin.

Und ehrlich: Ich finde das super. Nicht nur die Sache mit dem T-Shirt an sich; sondern die Tatsache, dass ich mich mit der gesamten Welt gratis per Video unterhalten kann – und obendrein auch noch einen Einblick in die Lebensweise meiner Gesprächspartner kriege. Am gleichen Tag sprach ich auch mit Wolfgang Bergthaler, und bekam seine WG zu sehen. Und mit Thomas Friemel in Deutschland, dessen zuckersüße kleine Tochter sich ins Bild drängte, um Papa zu sagen, er solle nicht so laut reden, weil sie ja Kika schauen will. Und mit meinen Eltern, die gerade mit 40 Grad im Schatten zu kämpfen haben.

Und heute habe ich mit Tokio gesprochen. Eine alte Schulfreundin wird nämlich voraussichtlich meine Wohnung während meines Indien-Abenteuers hüten. Und weil Japan nicht gleich ums Eck ist, wollte sie nicht persönlich zur Wohnungsbesichtigung vorbei kommen; also haben wir die Rundführung per Skype gemacht. “He, so ein Expedit-Regal hatte ich auch”, sagte sie dabei schon zu Beginn des Gesprächs – das Ikea-Teil sieht man bei mir meist im Hintergrund, wenn ich skype. Anschließend hab ich den Laptop genommen und sie durch die Wohnung geführt. Mit dem Display nach vorne, so dass mein PC quasi ihre Augen und Ohren war. “Dreh dich mal nach links” und “jetzt ein paar Schritte zurück” waren dabei typische Anmerkungen. Und als ich mich mal irgendwann vorbeugte, um mich von der richtigen Darstellung des Videos zu überzeugen, plötzlich ein lautes Kichern: “Ich kann Dir in die Nasenlöcher schauen!”

Okay, zugegeben: Manchmal gibt es via Skype doch etwas zu viel Intimität. Aber irgendwie schweißt es die Menschen auch zusammen, wenn eine Frau in Tokio einem Mann in Wien in die Gehirnwindungen blicken kann. Das ist Globalisierung mal anders. Und wunderbar menschlich.


Jun 30 2011

Warum wir manchmal schlechte Handys brauchen

Stefan Mey

Smartphones sind eine heiße Sache, die unser Leben leichter machen: Kein Verlaufen mehr dank Google Maps, kein Vergessen dank Evernote. Mehr Kommunikation durch Facebook, Twitter und mobiles E-Mail. Mehr Kundendurchblick durch Salesforce. Ein Leben ohne die kleinen Wunderkästen kann sich der Digital Native kaum noch vorstellen. Dennoch: Im Urlaub sollte vielleicht auf ein veraltetes Ersatzhandy zurückgegriffen werden.

Warum das? Die Gründe sind vielfältig. In erster Linie wäre da mal das Thema Roamingkosten: Auch diesen Sommer werden uns wieder Meldungen von horrend hohen Handyrechnungen ereilen. Nicht etwa, weil die Menschen generell dumm sind – aber wenn man selbst nicht doch aus Gewohnheit mit dem morgendlichen Download des “Ö1 Morgenjournal”-Podcasts Traffic generiert, spielen sich spätestens die Kinder mit dem App Store. Besser: Gleich ein Handy haben, das dies technisch gar nicht ermöglicht.

Der zweite Punkt: Akkulaufzeit. Wer gerade im Alleingang die Wüste Gobi durchfährt, hat wenig Möglichkeit zum Aufladen des stromfressenden Touchscreen-Geräts. Aus dem gleichen Grund ist übrigens Robustheit ein Thema: Alte Tastenhandys halten – das haben zahlreiche Selbstversuche bewiesen – deutlich mehr Stöße und Gatsch aus als fragile Smartphones. Und werden sie doch zerstört, ist der Schaden geringer und daher leichter zu verkraften.

Am wichtigsten ist aber der letzte Punkt: Heimweh. Denn nach zwei Wochen mit klemmenden Tasten und monophonen Klingeltönen möchte ich mich einfach wieder auf eine Runde “Angry Birds” freuen. Denn: Zu Hause ist es doch am schönsten.

Aus Gründen der Effizienzmaximierung erschien dieser Beitrag auch in Stefan Meys Kolumne im WirtschaftsBlatt Investor.