May 15 2012

Ein Abwägen von Prioritäten

Stefan Mey

Inder sind Meister im Verhandeln – kaum ein Verkaufsgespräch mit Teppichhändlern auf Bazaren oder ambitionierten Rikscha-Fahrern, bei dem nicht um jede einzelne Rupie gefeilscht und ordentlich in die Trickkiste gegriffen wird. Indikator für eine offensichtliche Abzocke ist etwa, wenn von einem “very good price” für einen “special friend” die Rede ist. Und ein Zauberwort hat in den letzten Jahren verstärkt seinen Weg in den Verhandlungs-Wortschatz gefunden: Inflation.

“Wissen Sie eigentlich, wie viel wir in letzter Zeit für Reis bezahlen müssen?”, fragte mich etwa ein Rikschafahrer in Hampi -er könne sich das Ernähren seiner Familie aktuell nämlich kaum noch leisten. Und aktuelle Zahlen belegen das: Im April lag die indische Inflation bei 7,23 Prozent; und als Treiber gelten vor allem Nahrungsmittel, deren Preise um 10,49 Prozent gestiegen sind; besonders die Preise für Gemüse schossen um 60,97 Prozent in die Höhe.

Wachstum vs. Leben

Entsprechend hat die Reserve Bank of India seit März 2010 den Leitzins 13 Mal erhöht, um der Inflation entgegenzuwirken -dies geht allerdings auf Kosten von Investitionen, industriellem Output und folglich auf Kosten des Wirtschaftswachstums beim südasiatischen Wunderkind. Und da die Proteste indischer Unternehmen Anfang dieses Jahres in inländischen Zeitungen immer lauter wurden, hatte die RBI im vergangenen Monat den Leitzins doch leicht gesenkt – um 0,5 auf acht Prozent. Die aktuellen Meldungen zur Inflation machen weitere Zinssenkungen unwahrscheinlich.

Darüber kann man bedrückt sein. Sich ärgern, dass Indien Europa nicht aus dem Sumpf ziehen wird. Dass wir uns unseren nächsten Sportwagen folglich doch heuer noch nicht leisten können. Oder wir sehen ein, dass es anderen Menschen um mehr geht, nämlich ums Überleben. Das ist ein Abwägen von Prioritäten.

Aus Gründen der Effizienzmaximierung erschien dieser Beitrag auch in der Print-Version des WirtschaftsBlatt, sowie auf wirtschaftsblatt.at.


May 5 2012

Arroganz meets Art – die Sommer-Trends 2012

Stefan Mey

Jedes Jahr müssen sich die Machthaber der Modekonzerne von Neuem entscheiden, wie wir uns im kommenden Sommer anziehen und und beschriften sollen: Welche Farbe suggeriert gerade, dass man durch den frühjährlichen Einkauf auch heuer das Wirtschaftswachstum gefördert hat? Wie viel Markenbotschaft auf den Körpern der Menschen ist in diesem Sommer legitim? Heuer, so mein bescheidener Eindruck, ist die Entscheidung unter dem Einfluss schwerst psychedelischer Drogen gefallen: Mit dem omnipräsenten Buzz-Wort “Art” wird beworben, man solle sich doch bitte so bunt wie möglich anziehen – am Besten in Farben, die in Wahrheit nicht im Entferntesten zusammen passen – so zumindest die Fachmeinung von Menschen, die sich mit solchen Dingen beschäftigen.

Mode-Uninteressierte Menschen wie meine Wenigkeit wiederum horchen kurz auf: Bedeutet das nun, dass wir unsere Garderobe wild mixen können? Dass wir im Kollegenkreis nicht mehr schief angesehen werden, weil wir hellblaue T-Shirts auf blaue Jeans anziehen? Dass die soziale Ächtung der permanent wegen Stillosigkeit exkludierten nun ein Ende hat? Die Antwort lautet: Leider nein. Denn, so sagte man mir, es sind nur jene Farben erlaubt, die von den Marketing-Abteilungen der Mode-Konzerne für cool befunden wurden. Damn.

Arroganz ist angesagt

Und nicht nur Farbe scheint zur Zeit im Trend zu sein – zurückgeschleckte Haare, überdimensionale Sonnenbrillen und teilweise sogar recht gewagte Rotzbremsen suggerieren zudem: Wer sich dem aktuellen Trend anpasst, der findet es offensichtlich auch irgendwie geil, wie ein Arschloch auszusehen. Ist zumindest mein subjektiver Eindruck; allgemein wirken Befolger des Trends etwas arroganter als der Rest der vergleichsweise farblosen Menschheit.

Mich wiederum stellt das vor ein Problem – denn jedes Jahr kaufe ich mir in einem bekannten Modehaus eine Sonnenbrille aus Bangladesh um sieben Euro. Warum? Weil Sonnenbrillen bei mir nie länger als eine Sommer-Saison überleben – entweder sie werden mir am Strand gestohlen, oder jemand – meist ich – setzt sich auf die Brille drauf und verbiegt sie dadurch. Es zahlt sich somit für mich nicht aus, dreistellige Beträge in Brillen mit besonderer Beschriftung zu investieren; in einem hiesigen Mode-Haus kann ich mir aber sich sein, dass – im Gegensatz zu Einkäufen in Dritte-Welt-Ländern – diverse UV-Schutz-Standards eingehalten werden.

Tja, und dieses Jahr stand ich doof da.

Denn wähle ich normalerweise das kleine schwarze Modell, das eher sportlich am Kopf anliegt und nicht allzu sehr auffällt; so hatte ich diesmal nur die Wahl zwischen Varianten, die sich dem allgemeinen Trend aus Art und Arroganz anpassen. Also entweder die extrem überdimensionierte Flieger-Brille oder die kleine Möchtgern-Hornbrille, die so individuell ist wie ein Paar schwarzer Socken.

Ich hab echt lange überlegt, was ich diesen Sommer im Gesicht tragen soll, bin sicher eine halbe Stunde vor dem entsprechenden Regal gestanden. Schließlich entschied ich mich dann für die Variante “Arschloch XS” – also die un-individuelle Hornbrillen-Kopie. Nächsten Sommer, das habe ich mir vorgenommen, investiere ich dann doch in eine langlebige Brille mit teurer Beschriftung und passe auf, dass ich mich nicht drauf setze – denn mich freut’s echt nicht, mir mein Aussehen von ein Marketing-Fuzzies vorschreiben zu lassen.


Apr 28 2012

Wirtschaft wird demokratisch

Stefan Mey

Früher war alles so einfach: Die Anbieter haben angeboten, und die Konsumenten haben konsumiert – Oligopole, Preisabsprachen und ein Diktat der Bedingungen gegenüber dem Kunden war in vielen Branchen keine Seltenheit. Und der Konsument, der konnte sich dagegen nicht wehren. Heute ist das anders.

Nach und nach fallen die Branchen dem Internet und der Mitmach-Gesellschaft zum Opfer; es ist vom “Prosumenten” die Rede – von einem Konsumenten, der zugleich Produzent ist. Produktionskosten zum Anbieten diverser Dienstleistungen und Produkte sind inzwischen auf ein Minimum gesunken, und ein Vertrieb von Selfmade-Produkten ist über das Web heute einfacher denn je.

Mit diesem Phänomen kämpft etwa seit Jahren die Medienbranche, die einer Fülle an Blogs gegenüber steht; ehrgeizig geschrieben von einer Handvoll Zwanzigjähriger. Und auch die Musikbranche erlebte ihr blaues Wunder: Über Systeme wie Spotify oder iTunes können Musiker heute ihre Werke der gesamten Welt zur Verfügung stellen, ohne auf große Plattenfirmen und entsprechende Zahlungen an Mittelmänner angewiesen zu sein. “40 Prozent der iTunes-Downloads sind heute Indie”, hat mir Robert Klembas, Geschäftsführer von Rebeat Digital, mal erzählt – seine Software hilft Musikern dabei, ihre Songs weltweit in hunderten unterschiedlicher Stores zu veröffentlichen. Nach einer Investition von hundert Euro in das Programm können viele Bands vom digitalen Vertrieb gut leben.

Bücher und Reisen

Andere Branchen haben wir diese Woche im WirtschaftsBlatt vorgestellt: Bücher und Reisen. Der digitale Vertrieb von Büchern ermöglicht es Autoren, den Weg vorbei an Verlagen zu finden und direkt zum Leser zu liefern – Systeme dafür kommen von Apple, Amazon und zahlreichen lokalen Playern, wie etwa Thalia. Oder Autoren bieten überhaupt PDF-Downloads auf ihren eigenen Websites an.

Beim Thema Urlaub schließlich wird ebenfalls aufgemischt: Wer will, der kann heutzutage ohne Zuhilfenahme kommerzieller Anbieter auf Reise gehen – die Anfahrt wird dabei über mitfahrgelegenheit.at gesucht, die Unterkunft über airbnb.com und die Unterhaltung vor Ort – zumindest in ausgewählten Städten – über gidsy.com; das junge Startup aus Berlin ermöglicht Privatpersonen, in ihrer Heimatstadt kostenpflichtige Workshops und Touren anzubieten. Anbieter kommerzieller Sightseeing-Touren müssen sich nun wohl warm anziehen.

Ohne Mittelmann

Für den einzelnen Selbständigen ist das ein Segen. Endlich kann er Bücher, Musik und Dienstleistungen anbieten, ohne auf Mittelmänner angewiesen sein; ähnlich wie ein Konzern kann er mit einem mal die ganze Welt erreichen, sein Geschäftsmodell skalieren, ohne auf gewaltige Fixkosten angewiesen zu sein – das ist nichts weniger als die Demokratisierung der Wirtschaft, bei der jeder einzelne seines eigenen Glückes Schmied sein kann.

Für die etablierten Unternehmen hingegen heißt dieser Trend: Nicht auf dem aktuellen Status-Quo ausruhen, sondern innovativ sein und von den Newcomern lernen – denn sonst bleibt von der aktuellen Marktmacht irgendwann nicht mehr viel übrig.


Mar 29 2012

Nicht blenden lassen

Stefan Mey

Auf Facebook, dem größten Social Network der Welt, bringt ein Wiener Unternehmer seinen Frust über die Pflicht zur Bekanntgabe einer Firmenbuchänderung in der Wiener Zeitung zum Ausdruck: Ist das wirklich nötig? Ist das unternehmerfreundlich? Oder, mit seinen Worten: “Liest diesen Schwachsinn eigentlich jemand?”. Die Antwort: Er natürlich nicht – aber der Betroffene ist auch Geschäftsführer einer Agentur mit Fokus auf Social Media Marketing, also quasi eine öffentliche Person. Für den Rest Österreichs sieht das anders aus.

Ortswechsel: Eine Wohnungseinweihung im 23. Wiener Gemeindebezirk. Auch die Nachbarn, großteils Senioren, sind eingeladen; vorherrschendes Gesprächsthema ist unter anderem die Wahl des Pfarrgemeinderats. Ihre Nachrichten bekommen die Nachbarn aus der Zeitung, besonders von den Glossen und Kommentaren diverser Kollegen reden sie mit leuchtenden Augen – was ein Blog ist, wissen sie nicht. Ob sie überhaupt einen Computer besitzen? “Das habe ich aufgegeben”, sagt einer: “Es war schon schwierig genug, die Espressomaschine zu verstehen.”

Man muss aber nicht mal an den Stadtrand fahren und mit Senioren sprechen, um sich der Unterschiede zwischen Early Adopters, der großen Masse und den Laggards bewusst zu werden. Im Museumsquartier sitzend fragte mich etwa kürzlich ein Bekannter, was eigentlich der Unterschied zwischen Twitter und Facebook sei. Er ist 25 Jahre alt und studiert Informatik. Programmieren kann er, aber Social Media erschließen für ihn einfach keinen direkten Nutzen.

Und damit ist er nicht alleine. Daten der Agentur Digital Affairs zufolge gibt es in Österreich knapp 75.000 Twitter-User, das sind rund ein Prozent der Bevölkerung. Der Rest ist entweder mit Facebook allein zufrieden oder pfeift komplett auf den so genannten Social Media-Boom; der Großteil der Österreicher stellt keine Fragen auf Quora, teilt keine Kochrezepte auf Pinterest, betreibt keine Blogs und checkt nirgendwo mit Foursuare ein. Wenn es um Technik geht, so stellen sie sich andere Fragen: Nach der leichten Bedienbarkeit ihrer Kaffeemaschine etwa. Oder nach einem stressfreien Fernsehabend.

Early Adopter, so scheint es, sind in dieser Hinsicht oft betriebsblind; und dabei verlieren sie den Endkonsumenten. So schön die neue digitale Welt auch ist: Wer von der breiten Masse angenommen werden und Produkte verkaufen möchte, der muss auch über die Kanäle der Endkonsumenten und mit ihren Botschaften kommunizieren. Selbst wenn es sich um die Bekanntgabe einer Firmenbuchänderung in einer Papierzeitung handelt. Und nebenbei bemerkt: Auch das geht ja inzwischen online.


Dec 4 2011

Shopping Economics

Stefan Mey

Während der Zeit im Moonlighting Delhi lernte ich sehr nette Menschen kennen: Eine Inderin etwa, die mit einem Franzosen verlobt ist und bald sowohl in Frankreich als auch in Indien heiraten wird – und wie das in Indien halt so ist, werden für beide Hochzeiten gleich alle Freunde, Bekannte, Freunde von Freunden von Bekannten und Mitbewohner eingeladen.

Bei einer Grillparty diskutierte ich folglich mit einer dänischen Studentin, ob wir wohl besser zur Hochzeit auf indischem oder europäischen Boden reisen sollten – schließlich kostet der Flug nach Indien zwar mehr, aber die Lebenskosten sind geringer. Eine gute Gelegenheit für mich also, um mal wieder mit meinen betriebswirtschaftlichen Kenntnissen rund um Fixkosten, variable Kosten und Economies of Scale zu punkten: Je billiger die variablen Kosten – also die Kosten, die pro konsumierter Einheit anfallen -, desto niedriger werden die Fixkosten – also die Kosten, die auf jeden Fall anfallen – pro konsumierter Einheit. Das nennt man dann Economies of Scale. Praxisbeispiele gefällig? Gerne, zuerst das Schulbeispiel: Wenn ich ein Auto kaufe, das wenig Benzin verbraucht und viel damit fahre, zahlt es sich auf lange Sicht mehr aus als ein in der Anschaffung billigeres Auto, das aber ein Spritschlucker ist. Und in Bezug auf die Reisen heißt das: Wenn ich mir einen teuren Indien-Flug leiste und hier aber wenig Geld ausgebe, dann reduzieren sich mit steigender Aufenthaltsdauer meine Flugkosten pro Tag. Wer also nach Indien fliegt, der sollte gleich länger bleiben – ein halbes Jahr zum Beispiel.

“Ha!”, sagte da die Dänin: Mit Kleidung ist das aber ganz anders! Die teuersten Kleidungsstücke sind die, die wir eigentlich am seltensten tragen. Und bei genauer Betrachtung meiner Garderobe ist es bei mir tatsächlich so: Mein wohl teuerstes Kleidungsstück ist mein Smoking, der ein paar hundert Euro gekostet hat, den ich aber im Schnitt nur einmal pro Jahr trage – und das ist noch überdurchschnittlich viel, zumal sich die meisten meiner Freunde im heiratsfähigen Alter befinden. Meine Jeans hingegen haben im Schnitt vielleicht 30 Euro gekostet, ich trage sie aber deutlich öfter – vielleicht jeweils 90 Tage im Jahr.

Ist das nicht absurd? Statt ein Produkt mit hohen Fixkosten oft zu verwenden und entsprechenden die Fixkosten pro Tag zu minimieren, minimieren wir die Fixkosten dort, wo es vollkommen wurscht ist: Bei Ausverkaufs-Jeans vom H&M. Klar könnte man nun argumentieren, dass sich durch die Nutzungsdauer durch die geringere Abnutzung des Smokings vervielfacht – aber nachdem der Unterschied in der Tragezeit bei Faktor 90 pro Jahr liegt, hätte man mir zur Geburt also einen Smoking in der korrekten Größe schenken müssen, den ich auch noch als Greis trage, um auch nur halbwegs auf den gleichen Nenner zu kommen.

Für mich gibt es folglich nur drei Möglichkeiten, mit dieser neuen Erkenntnis umzugehen:

1. Mehr Geld in jene Kleidung investieren, die ich täglich trage – weil es sich ja ohnehin auszahlt

2. In Zukunft beim Fortgehen im Wiener Chelsea einen Smoking tragen

3. Auf die Erkenntnis pfeifen und so weiter machen wie bisher

Für Vorschläge, Anregungen und eine kleine Spende zur Finanzierung meiner nächsten Jeans bin ich den geneigten Lesern dankbar.


Sep 14 2011

Mit Apple gegen Apple ist ein No-Go

Stefan Mey

Apple hat ein weiteres Spiel aus seinem App Store geschmissen. Das wäre an und für sich nichts Besonderes, wenn es sich dabei nicht um “PhoneStory” handeln würde – ein Spiel, das sich mit dem Produktions- und Entsorgungsweg eines Smartphones beschäftigt. Vom Coltan-Abbau in Afrika und den Produktionsbedingungen in China über die Schaffung eines Marken-Hypes bis zur Entsorgung des Elektroschrotts wird Aufklärungsarbeit rund um die moralische Bedenklichkeit der i-Produkte betrieben.

Das ist eine noble Aktion; und auch das WirtschaftsBlatt hat schon über Coltan-Abbau und die Zustände bei Foxconn berichtet – ungut ist nur, wenn das Zielobjekt der Kritik zugleich der Kommunikationskanal ist – so hatte Apple keine Probleme, die App aus dem Store zu entfernen. Allerdings, so berichten US-amerikanische Blogs, führt Apple auch Gründe an:

  1. Apps, die Gewalt darstellen, werden zurückgewiesen
  2. Apps mit beleidigendem Inhalt werden zurückgewiesen
  3. Apps, die das Spenden an NGOs ermöglichen, müssen gratis sein
  4. Die Spenden müssen über eine Website in Safari oder per SMS gezahlt werden

Bezüglich der Punkte 3 und 4 weisen die Entwickler von Phone Story darauf hin, dass es nicht möglich ist, innerhalb der App zu spenden – man habe nur auf der eigenen Website versprochen, einen Teil der Erlöse an entsprechende NGOs zu überweisen.

Bezüglich der Punkte 1 und 2 überlege man eine neue Version der App, die weniger Gewalt enthält und sich weniger mit Kinderarbeit auseinander setzt. Kinderarbeit also thematisieren, ohne Kinderarbeit zu thematisieren? Gewalt ohne Gewalt? Das dürfte recht schwer umzusetzen sein.

Aber gut: Wem diese “exzessive Gewalt” in PhoneStory abgeht, der kann ja dazwischen zu einem der anderen derzeit top-platzierten Spiele im App Store greifen: Etwa das Kriegsspiel “WorldWar” oder der Ego-Shooter “iSniper 3D”, bei dem in realistischer Grafik die Gegner per Kopfschuss erledigt werden müssen. Daran scheint man sich in Cupertino deutlich weniger zu stören.

Aus Gründen der Effizienzmaximierung erschien dieser Beitrag auch in der TechZone des WirtschaftsBlatt, meinem aktuellen beruflichen Zuhause.


Sep 7 2011

Wenn Kommunikations-Konzerne krumm kommunizieren

Stefan Mey

Für unser Dossier zum Thema “Zehn Jahre 9/11″ wollte ich eigentlich einen Artikel über Flughafen-Sicherheit schreiben; ein großer Anbieter in diesem Feld ist der Siemens-Konzern. Wie sich wohl das Geschäft durch das starke Sicherheitsbedürfnis geändert hat? Ein Anruf bei Siemens Österreich ergibt, dass dazu keine Daten vorliegen. Die Dame kann/möchte sich auch selbst nicht darum kümmern und verweist mich an einen Herrn A in Deutschland. Nun gut.

In Deutschland hebt niemand das Telefon ab. Dafür ruft mich die österreichische Kollegin nochmals an und teilt mit, Herr A sei ja auf Urlaub; ich solle mich an Frau B wenden. Also sende ich ein Email an Herrn A und Frau B und bekomme kurz darauf die Auto-Replies: Von Herrn A, dass er auf Urlaub ist; und von Frau B, dass sie in Karenz ist. Als Karenzvertretung nennt sie Herrn A.

Glücklicherweise steht im Auto-Reply von Herrn A der Kontakt von Frau C, der ich gleich ein Email schreibe. Und vorsichtshalber versuche ich es nochmals in Österreich; schicke Herrn D ein Email – worauf mich die Dame vom Beginn des Marathons nochmals anruft, um mir zu beteuern, dass das keinen Sinn macht. Ich solle mich doch stattdessen selbst im Internet schlau machen, oder mich an Frau E (ebenfalls in Deutschland) wenden. Es sei aber ungewiss, dass sie mir helfen kann; schließlich sei die Abteilung nicht ganz die richtige.

Zum Glück ruft mich inzwischen wieder Frau C zurück. Sie zeigt Verständnis für meine Verwirrung, weist aber darauf hin, dass auch sie leider zur falschen Division gehört. Ich solle mich doch bitte bei Frau F in der Schweiz melden, die sei Teil der richtigen Division. Inzwischen ist der Arbeitstag vorbei und ich gehe heim.

Neuer Tag, neues Glück: Frau F in der Schweiz existiert, und sie geht sogar ans Telefon. Allerdings weist sie mich darauf hin, dass ich es doch bitte bei den Kollegen in Österreich versuchen solle. “Das habe ich schon”, sage ich: “Und über Umwege bin ich an sie verwiesen worden.” Für was für ein Medium ich denn arbeite? Online, sage ich. Wieder ein Problem: Für Fach- und Wirtschaftsmedien sind wieder jeweils andere Personen zuständig. Sie verspricht aber, mir eine zuständige Person G aufzutreiben. “Wissen Sie: Wir sind ein großer Konzern, und hier arbeiten viele Leute”, entschuldigt sie sich stellvertretend. Ich frage sie, ob sie “Asterix erobert Rom” gesehen hat.

Der Rückruf blieb bisher aus. Und ich bin mit meinem Latein am Ende; immerhin habe ich inzwischen mit etlichen Menschen in drei verschiedenen Ländern mehr oder weniger kommuniziert. Warum ist das gerade bei Siemens irgendwie amüsant? Vermutlich, weil der Konzern mit der Sparte “Siemens Enterprise Communications” selbst Lösungen für eine effizientere Unternehmens-Kommunikation vertreibt. Aber andererseits darf man das nicht so eng sehen: Immer, das habe ich inzwischen gelernt, ist das ja eine ganz andere Division.

UPDATE: Soeben habe ich einen Anruf aus der Pressestelle von Siemens Österreich bekommen. Mit dem Hinweis, dass Siemens Enterprise Communications nicht mehr zu hundert Prozent zu Siemens gehört, sondern ein Tochterunternehmen von The Gores Group und der Siemens AG ist (Positiveffekt: Eine Division weniger, für die man kommunizieren muss).

Außerdem zeigte man sich nicht gerade erfreut über meine Darstellung der Siemens’schen Kommunikationswege – schließlich haben die Mitarbeiter ständig damit zu kämpfen, während ein Journalist das nur punktuell von außen beobachtet. Das stimmt allerdings: Die Mitarbeiter, die sind die Leidtragenden in diesem System. Mein Beileid.

UPDATE, zweiter Akt (8.9., ca. 15 Uhr): Auftritt: Eine bisher unbeteiligte Kommunikatorin von Siemens Deutschland. Namentlich erinnert sie mich an Frau B, mit der ich sie irrtümlich verwechsle (zur Erinnerung: Frau B ist in Karenz). Sie kennt Frau B aber gar nicht (vermutlich eine andere Division), weshalb ich sie zwecks korrekter Chronologie als Frau H bezeichne. Frau H fragt, ob sie mir bei meiner Recherche helfen kann. Muss sie nicht, sage ich, denn Österreich habe mir bereits versichert, sich um das Thema zu kümmern. Die Kollegin in Österreich ist aber im Krankenstand, sagt Frau H zuvorkommend. “Das kann nicht sein”, sage ich: “Ich habe vor wenigen Minuten mit ihr telefoniert.” Die Handynummer von Frau H habe ich mir vorsichtshalber mal notiert – vielleicht  brauche ich sie ja noch.

Aus Gründern der Effizienzmaximierung erschien dieser Beitrag auch auf meinem neuen Arbeitsplatz, der WirtschaftsBlatt TechZone.


Sep 1 2011

Wieder in Wien

Stefan Mey

Ich bin wieder in Wien. Und konnte in den vergangenen Tagen nicht wirklich bloggen, weil so viel passiert ist. Und auch wieder nicht. Also, konkret: Alles ist schön, sauber und in Ordnung. Man muss hier im Gegensatz zu anderen Ländern nicht Angst haben, beim Überqueren der Straße überfahren zu werden. Und in meiner Wohnung leben auch keine komischen Tiere; da sind nur ich, meine Freundin und der ganze Technik-Schnickschnack, mit dem ich mich so beschäftige. Auch sprechen alle Leute so circa meine Sprache (so halbwegs halt); und ich muss nicht ständig aufpassen, in irgendein interkulturelles Fettnäpfchen zu treten. Insofern: Alles easy.

Dann aber auch: Neuer Job in einem neuen Büro. Große Veränderung. In der Hainburger Straße im dritten Bezirk jetzt nämlich statt au dem Geiselberg in Simmering. Also mit schöner Aussicht, und auch mit netten Räumen; alles sehr modern, und vor allem mit viel Blau – irgendwie ein krasser Gegensatz zum Büro in Bangalore, wo zehn Inder so viel Platz einnehmen wie hierzulande zwei Österreicher. Auch arbeite ich jetzt online, also bei wirtschaftsblatt.at statt im Print. Konkret findet man meine Artikel jetzt in der TechZone des WirtschaftsBlatt – was sehr praktisch ist, aus ganz unterschiedlichen Gründen: Erstens sind dem Internet im Gegensatz zum Papier nie Grenzen gesetzt, da gibt es genug Platz für alles und mich; zweitens kann man hier Multimedia-Zeugs wie Slideshows und Videos einbauen, was bei Papier eher unmöglich ist; und drittens kann ich die Schmankerln nun mit meinen Lesern einfacher teilen. Etwa die Reportage über Plattenspieler aus Österreich, die Geschichte über den Laden Rave Up Records oder meine Sammlung der besten Apps zum Schulbeginn.

Digital ist besser. Das wussten auch schon Tocotronic.


Aug 4 2011

Dear girls: Please choose self-employed guys as your husbands

Stefan Mey

Every mother wants her daughter to be happy. So, right from the beginning, they set their ideas on what the perfect son-in-law should be like: He should be a nice and handsome guy, of course; and it’s crucial that her daughter loves her husband. But parents also see more than the fluffy-pink love-stuff. They also expect the man to be able to provide financial and social security, hence have a certain level of discipline, a secure job and stuff like that. Self-employed, it seems, are the pure nightmare: We don’t work regular times, but mostly in the night or on weekends (this blog post, e.g., is written while everyone else is sitting on their sofas watching the telly). Also, a self-employed guy has no employment and no boss – in a narrow-minded perspective, one could even say we hardly work at all, but just have fun meeting people and doing what we want to do. Making money is what happens on the way.

The nightmare of all 50s-households.

But, anyway, here is the better part of the story: We can organize our time independently. Which means, for a modern household: While other people are sitting in the office nine-to-five, self-employed people can work from home – and do all the housework during the breaks. I experienced that while house-sitting the house of my girl’s parents: While she was out working in the hospital, I sat down at the balcony with my laptop and my smartphone, made my calls and wrote my articles – and in the break, I went into the kitchen to fill up the dishwasher and dump the organic waste on the compost pile. When she returned from work in the evening, she found the house clean, and me sitting on the balcony, playing guitar during sunset.

So, girls, think about it: With self-employed guys, you not only get creative romantics; but you also have someone who takes care of the household between phoning two CEOs and writing a business plan. Doesn’t sound so bad after all, does it? Or, even a better question: Isn’t that every feminists dream husband?


Jul 1 2011

Die Erfahrung zeigt: Die Masse ist nicht immer klasse

Stefan Mey

“Ich habe eine Schreibblockade. Wer kann mir einen Tipp geben, was ich in meine wöchentliche Wirtschafts-Blatt-Kolumne schreiben soll? ” Mit dieser Frage auf meinem Facebook-Profil habe ich mich auf die Suche nach einem Thema für diese Zeilen begeben. Mit mäßigem Erfolg: Eine Bekannte nutzte die Gelegenheit, mich auf den Text von vergangener Woche anzusprechen; ein Pressesprecher versuchte kühn, seine eigenen Themen zu positionieren. Was ich dort versucht habe, nennt man Crowdsourcing-also die Auslagerung von Unternehmensaufgaben auf die Intelligenz und Arbeitskraft einer Masse an Menschen im Netz. Auf diese Art können in vielen Fällen kreative neue Ideen in das Unternehmen gespült werden; Kosten für zum Beispiel die Weiterentwicklung von Produkten werden gespart. Das funktioniert bei verschiedenen Projekten recht gut: Die freie Enzyklopädie Wikipedia lebt etwa von den ehrenamtlichen Beiträgen von Autoren, der Open-Source-Office-Klon “Open Office” wird von global verstreuten Freizeitprogrammierern entwickelt und in etlichen Büros – etwa auch im WirtschaftsBlatt – genutzt.

Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein im Land der Offenheit: Beispielsweise müssen verschiedene global verstreute Ideen auf einer sprachlichen, räumlichen und auch interkulturellen Ebene vernetzt werden; Angaben auf der englischsprachigen Wikipedia zufolge kann ein Crowdsourcing-Projekt ein Unternehmen gar teurer kommen als reguläres Outsourcing, zumal die oft vagen Ideen und Vorschläge in eine Richtung moderiert und zu einem sinnigen Schluss geführt werden müssen. Die Absenz von Arbeitsverträgen oder monetären Anreizen macht es auch schwierig, kreative Köpfe lange an sich zu binden; Sicherheit ist ein heikles Thema – und im schlimmsten Fall finden sich gar destruktiv veranlagte Menschen, die ein Projekt absichtlich in die falsche Richtung treiben. Was mich wieder zum Anfang dieses Beitrags führt: Inzwischen hat mich ein Bekannter aufgefordert, “über die Selbstverliebtheit eines IT-Journalisten” zu schreiben. Mir scheint also, ich muss nun die Diskussion moderieren, bevor sie mir entgleitet – und verabschiede mich von Ihnen somit ins Wochenende.

Aus Gründen der Effizienzmaximierung erschien dieser Artikel auch in Stefan Meys Kolumne im WirtschaftsBlatt Investor.