Mar 13 2012

Ein Moment: Ganesh löst alles

Stefan Mey

Vor dem abendlichen Ausgehen spaziere ich noch zum Barbier, um meinen Bart stutzen zu lassen – der Mann von heute rasiert sich ja nicht selbst. In der kleinen Barbierstube nehme ich Platz; Kakerlaken betrachten ihr Abbild im Spiegel, während der Barbier seine Aufmerksamkeit meinem Bart widmet und ich das Geschehen im Fernsehen betrachte.

Dort läuft ein Film; ich verstehe die Sprache nicht – aber die Bilder sprechen Bände. Offensichtlich sind da drei Hexen – denn es handelt sich um drei in schwarz gekleidete Frauen mit Buckeln, die in schrillen Stimmen plappern – und eine Ziege. Das Tier attackiert die Hexen; offensichtlich handelt es sich dabei um einen Menschen, der von den bösen Schwarzmagierinnen verwandelt wurde. Während der gehörnte Schädel gegen schwarz-gekleidete Hintern rammt, fällt in einem parallelen Handlungsstrang eine junge Frau in Ohnmacht… Was nun? Zum Glück ist der Held gleich bei Stelle: Er hebt die Dame auf und trägt sie zu einem Ganesh-Schrein, legt sie dort sanft nieder. Dann rüttelt er an dem Schrein.

In der nächsten Szene sieht der Zuschauer Ganesh, den elefantenköpfigen Gott, in seinem Zuhause. Da der Held an seinem Schrein rüttelt, wird auch der Glücksgott ordentlich durch geschüttelt. Er torkelt; und ihm wird klar, dass seine Hilfe gebraucht wird. Also sagt der Elefantenkopf etwas, das ich nicht verstehe – und alle Probleme sind gelöst: Die Frau wacht auf, die Ziege wird wieder ein Mensch und die Hexen sterben. Es gibt Feuerwerke.

Ende gut, alles gut also. Und auch mein Bart ist gestutzt. Hochmotiviert starte ich in den Abend.


Mar 13 2012

Coimbatore: Wo wird Tee verkauft?

Stefan Mey

Ich bin ja nicht wegen der Sehenswürdigkeiten in Coimbatore; sondern wegen der Menschen. Vor einigen Monaten hatte ich in Bangalore eine recht lustige Runde kennen gelernt: Frau Sonnenschein, ihren Ehemann Mister Mond und ein paar Mädels, die ich auf Grund ihrer karaokeesken Fähigkeiten als die „Sternsingerinnen“ bezeichnen möchte. Im Vollrausch hatten mich die Sternsingerinnen aufgefordert, sie in Coimbatore zu besuchen (es war wirklich viel Alkohol geflossen an diesem Abend); und ich hatte begeistert zu gesagt (denn ich war ja ebenfalls längst im Nirvana).

Und nun sitze ich also bei einer der Sternsingerinnen im Wohnzimmer, bin dort zum Mittagessen eingeladen. Das Essen ist köstlich, die Wohnung ist groß und mit faszinierenden Büchern und teuren Möbeln bestückt.  Sie gehört definitiv zu den besten Wohnungen, die ich in den vergangenen Monaten gesehen habe. Mit ihrem Mann plaudere ich ein wenig über die Arbeit – er ist in den USA angestellt und arbeitet daher unter Zeitverschiebung, kann sich zu Mittag also gerade so auf den Beinen halten.

Ihre reizende Tochter ist im Kindergarten-Alter und stellt mir die Frage aller Fragen: Wo ich her komme. Vor ihr liegt ein Kinder-Weltatlas, mit stereotypischen Comicfiguren zu den einzelnen Ethnien auf den verschiedenen Kontinenten. Sie schaut mich mit großen Augen an.

Normalerweise antworte ich auf diese Frage ganz einfach mit „Germany“, weil ich zwar seit Jahren in Wien lebe, aber einen deutschen Pass besitze – und außerdem in Indien kein Schwein Österreich kennt. Dieses putzige Mädchen erinnert mich mit ihrer Neugierde aber an mich, als ich im gleichen Alter war – und damals musste mir meine Mutter mühsam erklären, dass Indianer nicht in Indien leben, Inder aber schon. Ich sage ihr also, dass ich aus „Austria“ komme, und sie findet freilich sofort „Australia“ – entsprechend muss ich ihr Europa zeigen und eine Stelle auf der Karte, die so klein ist, dass die Autoren des Kinderbuchs sich nicht die Mühe machten, sie zu beschriften. Ignoranten.

Anschließend begibt sich die Mutter ins Bad und lässt mich mit ihrer Tochter alleine. Die Kleine führt mich in ihr mit Spielwaren gefülltes Kinderzimmer und möchte Fußball spielen. „Ich kann aber nicht Fußball spielen“, sage ich: „Ich komme aus Österreich. Österreicher können das nicht.“ Leider versteht das indische Kind nicht den deutsch-österreichischen Regionalhumor, und so kicken wir uns im Wohnzimmer ein paar Mal den Ball zu.

Dann hört sie auf und schaut auf mein T-Shirt: Was das sei? Auf meinem Shirt ist ein Chai-Wallah abgebildet, wie sie durch die Straßen indischer Großstädte gehen und Tee verkaufen.

„Das ist ein Chai-Wallah“, erkläre ich ihr.

„Und was macht der?“

„Der verkauft Chai“

„Und wo?“

„Auf der Straße.“

Das Kind verzieht ungläubig das Gesicht: Tee könne man doch gar nicht auf der Straße kaufen, Tee gebe es nur in einem Restaurant oder einem Kaffeehaus. Meiner Aussage, dass manche Menschen auch auf der Straße Tee trinken, will sie keinen Glauben schenken. Tee auf der Straße trinken? Das geht doch nicht!

Dann widmen wir uns wieder einem Kinderbuch, bei dem wir uns über das alte Ägypten fortbilden. Irgendwann kommt die Mutter aus dem Bad zurück; und ich freue mich auf das gemeinsame Ausgehen mit ihr, Frau Sonnenschein und Mister Moon.


Mar 12 2012

Der Zoo von Coimbatore

Stefan Mey

Nach Coimbatore kommt man normalerweise nicht, um dort zu bleiben. Ausländische Touristen sind hier bloß auf der Durchreise nach Chennai; und Expats zieht es hier nur des Geldes wegen hin: In der Industriestadt lässt sich gute Kohle verdienen, wenn man die richtige Profession mit bringt – Software-Entwickler und Projektmanager können hier etwa Arbeit finden; wer aber einen Reise-Blog betreibt, um diesen anschließend in ein Buch zu verwandeln, der ist hier eher fehl am Platz.

Ich versuche es trotzdem. Hole mein Handy aus der Tasche und starte Google Places, um zu sehen, was mir der US-Konzern an „Attraktionen“ vorschlägt. Empfohlen ist da etwa außerhalb der Stadt eine Sehenswürdigkeit namens „Water Tank“ – was meine Erwartungen deutlich runter schraubt: Ein Wassertank ist wohl kaum wirklich sehenswert; es sei denn, er ist aus Gold oder so. Was gibt es sonst noch? Aha: Ein Zoo. Da ich in noch keinem indischen Zoo war, gebe ich diesem eine Chance.

Vor der Kasse mache ich mir Sorgen, ob ich genug Geld dabei habe – mein letzter Zoobesuch war immerhin im Schönbrunner Tiergarten in Wien; und das war alles andere als günstig. Ich zähle nach: Circa 4000 Rupien, das sollte reichen – tatsächlich kostet mich der Eintritt aber bloß drei Rupien; und ich habe Probleme, solch kleine Münzen aus meiner Hosentasche zu fingern.

Motiviert betrete ich das Gelände – immerhin habe ich erst kurz zuvor „Life of Pi“ zu Ende gelesen und erwarte mir folglich Großes: Orang-Urans, Elefanten und natürlich einen echten bengalischen Tiger.

Zu viel erwartet.

Statt des Großwilds sehe ich bloß ein paar Schlangen, die sich aber ebensowenig bewegen wie die Krokodile; und die Affen in den Käfigen sind gar unspektakulärer als jene, die ich in der freien Wildbahn (also auf offener Straße) sehen kann. Es gibt auch Meerschweinchen, die freudig in ihrem Käfig herum wuseln – die blutrünstige Verfütterung dieser Tiere an die Schlangen (der Zweck, warum sie eigentlich im Zoo gehalten werden) bleibt mir aber vorenthalten. Ein Schild kündigt Riesen-Fledermäuse an; dahinter befindet sich nichts – aber immerhin: Wer nach oben schaut, sieht die Vampirgestalten kopfüber an einer Baumkrone hängen; sicher ein Dutzend. Sie sind vermutlich das Highlight des Zoos von Coimbatore. Und das, obwohl sie schlafen.

Die Affen hingegen schauen nur depressiv aus ihren kleinen Käfigen heraus. Ich denke an den deutschen Komiker Jürgen von der Lippe, der mal gesagt hat: „Zoos finde ich nicht so spannend. Die Tiere sehen alle so gelangweilt aus; so als müssten sie den ganzen Tag das Wort zum Sonntag hören.“ Sein Wort in Gottes Ohren: Ich verlasse den Zoo wieder und hoffe, dass mein Aufenthalt in Coimbatore noch etwas Besseres zu bieten hat.


Mar 12 2012

Ein Moment: Ein Lächeln ohne Beine

Stefan Mey

Der Zug zwischen Chennai und Coimbatore hält an einer Station, die in keinem ausländischen Reiseführer vermerkt ist. Auf dem Bahnsteig stehen ausschließlich Inder; Händler preisen lauthals ihre Waren von Birjani über Wasser bis hin zu Kugelschreibern an, eine LED-Tafel heißt Besucher und vorbei fahrende Züge herzlich willkommen. Und über den Bahnsteig kriecht ein Mann. An seinen Händen hat er Hausschuhe befestigt; denn mit den Armen bewegt er sich fort, die Beine zieht er lediglich hinter sich her – wie ein Tier wirkt der Mensch durch seine Gehbehinderung in seiner Haltung; Geld für Krücken oder einen Rollstuhl hat er wohl nicht. Ich betrachte ihn mitleidig. Und er lächelt mich mit glühenden Augen an, als sei sein fürchterlicher Zustand nur halb so wild.


Mar 12 2012

Schutzmaßnahmen gegen Moskitos, Wanzen und Kakerlaken

Stefan Mey

Meine letzte Nacht in Chennai verbringe ich nochmals in einer Billig-Unterkunft. Das bedeutet: Schutzmaßnahmen ergreifen, gegen allerlei Ungetier. Bedingt durch meine vorherige Erfahrung bin ich nun schlauer; und ich weiß, was ich tun muss:

  1. Gleich nach dem Einchecken schalte ich die Klimaanlage an. Ich stelle sie auf die kälteste Stufe (15 Grad) und lasse sie den ganzen Tag laufen.
  2. Bei meinem abendlichen Eintreffen liegen bereits etliche Moskitos erfroren auf meinem Bett. Aber ich gehe auf Nummer Sicher: Ich spraye das gesamte Zimmer ab, vor allem die Vorhänge – dort verstecken sich gerne die Kakerlaken.
  3. Dann spraye ich Moskito-Schutz auf meinen gesamten Körper.
  4. Ich ziehe eine lange Hose und ein langärmliges Hemd an, sodass keinerlei Untier an meine Gliedmaßen kommt.
  5. Ich krieche in meinen Schlafsack, schließe ihn bis zum Hals und achte darauf, dass meine Arme unmöglich das sicher mit Wanzen verseuchte Bett berühren können.

Und siehe da: Am nächsten Tag wache ich tatsächlich unversehrt auf. Na bitte, geht doch. Bandagiert in meine Alltagskleidung krieche ich aus meinem Schlafsack wie eine untote Mumie aus ihrem Sarkophag. Kurz darauf verlasse ich Chennai glücklich und fahre mit dem Zug Richtung Industriemetropole Coimbatore.


Mar 11 2012

Eine Kleinigkeit

Stefan Mey

Ach, verdammt: Arbeiten muss ich ja auch ab und zu. Denn mit irgendeinem Geld muss ja die Reise eines urbanen Business-Nomaden finanziert werden. Und so begebe ich mich in Chennai nochmals ins Start-Up Center, um dort ein paar Artikel in die Tasten zu klopfen und nach Österreich zu schicken – dabei geht es um ein potentielles Handelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union. Recherchieren, Schreiben und Verschicken kann ich ja zum Glück überall auf der Welt, solange ich einen Laptop und einen Internet-Zugang habe; und das Start-Up Center ist trotz seiner seltsamen „Dawn oft he Dead“-Atmosphäre dafür bestens geeignet.

Dann zieht es mich zum Knüpfen potenziell interessanter Kontakte noch auf eine Messe rund um das Thema Wasser. Diese findet im „Chennai Trade Center“ statt – ein Ort, den keiner meiner Bekannten, Freunde und Office-Kollegen kennt, der aber laut Google Places „eines der besten Messe-Zentren Asiens“ ist. Nun ja, dann lasse ich mich mal überraschen.

Die Anfahrt dauert ewig. Der Autorikscha-Fahrer will freilich kein Taxameter verwenden, weshalb wir länger verhandeln – schließlich bugsiert er mich doch eine Stunde lang durch den Verkehr, vorbei an hupenden und stinkenden Autos.

Einmal angekommen sorgt das weite Gelände am Stadtrand für eine positive Überraschung: Hier ist es ruhig, und sauber – mit vielen Grünflächen, gut gepflegten Hecken und Bäumen; der Besucher schaltet automatisch einen Gang herunter, atmet durch, wird entspannt, flaniert – vorbei an Sicherheitsmännern, Gärtnern und viel Grün – in Richtung Messehalle.

Und auch dort, alles schön: Hinter einem Springbrunnen, der leise dahin plätschert erhebt sich die Halle; am Eingangsbereich funktioniert die Registrierung problemlos – ich erhalte Unterlagen und ein Namensschild und betrete das Gebäude. Dort sammle ich Visitenkarten ein, teile hier und da auch selbst eine aus – und auch das eine oder andere Gespräch führe ich mit interessanten Unternehmen aus der Wasserwirtschaft. Filterung, Lagerung und Verteilung von Wasser – es wird wirklich kein Themenbereich ausgelassen.

Nur eine Kleinigkeit, die gäbe es da halt: Die Entsorgung. Schade, dass der Architekt bei der Planung der Hallen die Toiletten vergessen hat. Wirklich schade. Aber man kann ja nicht alles haben.


Mar 11 2012

Zurück in den Tempel, in dem er geboren wurde

Stefan Mey

Die Bekannten wohnen in einer Villa am Stadtrand Chennais. Sie sind Deutsche, die aus beruflichen Gründen hier leben; nachdem sie einige Zeit lang eine Unterkunft im Zentrum der Stadt ausprobiert hatten, sind sie an den Stadtrand gezogen – hier ist zwar alles etwas rustikaler, aber dafür bleibt man vom Lärm der Großstadt verschont.

Ich komme an, werde freudig begrüßt und kann mich duschen – immerhin bin ich schon länger unterwegs heute, habe vor einem Kristall meditiert, einen Koffer zerstört und eine längere Autofahrt zurück gelegt. Anschließend gibt es zum Abendessen deutsche Rouladen und Kartoffelbrei. Draußen arbeiten die Bediensteten, füllen gerade den Pool mit neuem Wasser. Auf den antiken Möbelstücken stehen altertümliche Steinstatuen verschiedener hinduistischer Götter und Dämonen, die mit gedämmtem Licht angestrahlt werden.

Oberflächlich betrachtet wecken solche Bilder Neid, wenn sie im westlichen Fernsehen gezeigt werden. Dann ist immer davon die Rede, wie dekadent westliche Expats und Diplomaten im Ausland leben, welch große Häuser sie bewohnen und wie viel sie verdienen. Selten werden in solchen Fernsehreportagen die Widrigkeiten erwähnt: Meine Bekannten erzählen etwa, dass sie vor weniger Wochen drei Tage lang keinen elektrischen Strom hatten – während Zuhause wohl eine Revolution ausbrechen würde, wenn die Menschen nicht auf ihre tägliche Portion „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ kommen, müssen sich Expats und Diplomaten halt irgendwie arrangieren.

Und dann stellen sie fest, dass der Hund weg gelaufen ist; scheinbar hat einer der Gärtner das Tor offen gelassen. Das Tier gehört zur Familie, stammt aber ursprünglich aus der näheren Umgebung. „Wenn das Tor offen ist, läuft er immer weg und kommt dann später zurück“, sagt mir die Frau kopfschüttelnd: „Er kehrt dann zurück in den Tempel, in dem er geboren wurde.“ Das klingt vorerst romantisch und mystisch, ist es aber nicht: Lange nach Einbruch der Dunkelheit ist das vierbeinige Familienmitglied wieder da, wedelt freudig mit dem Schwanz – und stinkt bestialisch nach Kloake. Er hatte sich offensichtlich im Dreck gesuhlt. Als Strafe gibt es Liebesentzug und keine Kuscheleinheiten mehr für den restlichen Tag.

Wir trinken noch ein wenig deutschen Rotwein, und dann lege ich mich schlafen. Still im Bett liegend – so ganz ohne Tinitus – lasse ich die vergangen Tage, Wochen und Monate Revue passieren: Vielfältig war es, auf jeden Fall. Ich habe bei Kakerlaken geschlafen ebenso wie in einer teuren Villa am Stadtrand; ich habe meditiert, gearbeitet und gefeiert. Noch zu Beginn des Tages war ich vor dem größten makellosen Kristall der Welt gesessen, dazwischen habe ich altertümliche Tempel besichtigt und nun liege ich in einem warmen Bett, trunken mit deutschem Rotwein – wieder mal bereue ich nicht, nach Indien gekommen zu sein. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlafe ich ein.


Mar 11 2012

Mit dem Auto durch Indien

Stefan Mey

Nun muss ich also mit meinem kaputten Koffer irgendwie von Mahabalipuram an den Stadtrand von Chennai kommen, wo Bekannte ein Haus besitzen und ich für eine Nacht unterkommen kann, bevor ich meine Reise fortsetze. Öffentliche Verkehrsmittel bringen mich höchstens in das Zentrum Chennais, und so brauche ich ein Auto. Vor dem größten Tempel der Stadt spreche ich daher den Fahrer eines weißen Ambassador – stilvolle indische Oldtimer – an, ob er mich an mein Ziel fahren könne. Das genaue Ziel wisse ich nicht, aber ein Anruf bei den Bekannten und Google Maps werden uns schon den Weg weisen.

Er verlangt rund 1000 Rupien, und wir düsen gemeinsam in seinem weißen Oldtimer durch die südindische Landschaft – immer an der Küste entlang, zu unserer rechten Seite das Meer. Die Straßen sind außerordentlich gut, merke ich an. Er nickt. Ob er oft Touristen in andere Städte fahre? „Ja“, sagt er. Einen Europäer habe er gar quer durch Indien gefahren, bis nach Bombay rauf, und dazwischen hätten sie immer wieder Halt an unterschiedlichen Orten gemacht, die der Gast sehen wollte. Gekostet hat das 3000 Rupien pro Nacht, plus Benzin, Essen und Unterkunft.

Ich denke an den kaputten Koffer im hinteren Teil des Wagens und stelle fest, dass diese Idee gar nicht mal so schlecht ist: Zwar ist die Reise teurer als mit dem Zug, aber billiger als Fliegen – und deutlich angenehmer, da keine Verkehrsmittel gewechselt werden müssen, lästige Security-Checks entfallen. Zudem ist man deutlich flexibler und erreicht Orte, die mit Zügen und Bussen nur schwer, mit dem Flugzeug überhaupt nicht erreichbar sind. Wirklich Sinn macht das aber erst mit zwei oder drei Mitreisenden – denn so können die Kosten aufgeteilt werden.

Ich mache mir selbst eine geistige Notiz, dass ich dieses Abenteuer zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Leben noch nachholen möchte.


Mar 10 2012

Koffer-GAU, Teil 1: Mahabalipuram

Stefan Mey

Nächste Mission: Von Pondicherry zurück nach Chennai fahren – aber nicht ohne unterwegs einen Halt bei den antiken Tempeln von Mahabalipuram gemacht zu haben. Ähnlich wie in Elephanta – der Insel nahe Mumbai – finden sich hier in die Felsen gehauene Abbilder zahlreicher Hindu-Götter. Um dies zu besichtigen, nehme ich auch Schwierigkeiten in Kauf: Der kleine Rollkoffer, der mich auf meiner Reise begleitet, wird über Stock und Stein gezogen und gezerrt.

Ein junger Mann spricht mich an. Ich weise ihn zuerst barsch zurück; doch er versichert mir, dass er kein Guide ist, sondern dass er lediglich seine Englischkenntnisse über möchte. Also gut, denke ich: Ich bin ohnehin alleine unterwegs und entsprechend einsam – warum also nicht? Er führt mich durch das Gelände, erklärt mir die einzelnen Orte und ihre historische Bedeutung, während ich stets den Koffer über die Felsen zerre.

Am Ende kommt dann doch das Verkaufsgespräch: Er sei eigentlich Steinmetz-Lehrling, und er habe einen innovativen Ganesh aus Stein gehauen; den solle ich mir in seinem Shop ansehen. Die Steinmetz-Branche floriert in Mahabalipuram; denn wer schon alte Stein-Götter bewundert, der hat wohl auch gegen neue nichts einzuwenden. Und da er mich ohnehin so freundlich herum geführt hat, sehe ich mir das Werk in seinem Shop an.

Enttäuscht werde ich nicht: Er hat keinen normalen Ganesh in sitzender Position aus dem Stein geschlagen, sondern einen, der in entspannter Position vor einem Computer liegt. Auf dem Bildschirm des Geräts ist ein Apfel abgebildet. Kein Zweifel: Das ist ein Business-Ganesh. Der elefantenköpfige Gott, der als Entferner aller Probleme und somit als Universallösung für alles gilt, kann in dieser Form mich vor Viren, Trojanern und Spam-Mails beschützen. „Nächstes Jahr mache ich dann einen Cricket-Ganesh“, sagt der Junge stolz. Ich kaufe ihm die circa faustgroße Statue lächelnd ab, bedanke mich und mache mich wieder auf den Weg.

Circa eine Stunde später hebe ich bei der Besichtigung eines weiteren Tempels den Koffer an – es macht „Rumms“, der Henkel des Gepäcks reißt ab und es fällt zu Boden. Grummelnd hebe ich es wieder auf: Hätte ich doch bloß einen Gepäck-Ganesh statt eines Business-Ganesh gekauft, dann wäre das nicht passiert. Aber man kann wohl nicht alles haben, und so setze ich meine Reise unbeirrt fort.


Mar 10 2012

Ich höre das Om

Stefan Mey

Wie vereinbart treffe ich Mauna am nächsten Morgen an den Toren des Matrimandir. Wir passieren den Security-Check, wo sie mich als ihren Gast registriert, und betreten den Garten, der das gewaltige Bauwerk umgibt. Hier führen verschlungene Pfade hin zu der goldenen Kugel, vorbei an Dingen, die für sich selbst genommen schon etwas Besonderes sind – etwa ein Banyan-Baum, dessen Zweige sich majestätisch in den Boden senken, um von dort erneut zu sprießen; den Durchmesser der Blattkrone würde ich auf 20 bis 30 Meter schätzen. Gärtner arbeiten fleißig an der Bewässerung der Rasenflächen, die Sonne des Südens brennt bereits am frühen Morgen auf das Gelände herunter.

Dann erreichen wird die goldene Kugel, die im Sonnenlicht schimmert und glänzt. Unter ihr befindet sich ein kleiner Teich – auf ihn fällt Sonnenlicht, das in ein Loch am Dach der Kugel eindringt, durch den berühmten Kristall hindurch fällt und schließlich am Boden der Kogel wieder austritt, um das Gewässer zu erleuchten. Das Wasserspiel hat die Form einer Lotusblüte, und das kühle Nass plätschert beruhigend dahin.

Zum Betreten der riesigen Kugel – dem spirituellen Zentrum Aurovilles – muss ich meine schwarzen Socken gegen weiße eintauschen. Nicht etwa aus religiösen Gründen, wie mir Mauna erklärt – sondern weil die schwarzen Socken Spuren hinterlassen würden. Das finde ich zuerst etwas zimperlich, doch als ich das Innere des Heiligtums betrete, verstehe ich, was gemeint ist: Die Teppiche sind hier weiß, die Wände aus weißem Marmor, die Geländer aus Glas, die Farblosigkeit des Raums wird unterbrochen von Silber. Menschen sind komplett in weiße Gewänder gekleidet; sie bewegen sich schweigend und gemächlich an Wendeltreppen im Stil eines Gemäldes von M. C. Escher hinauf zum oberen Teil der Kugel. Wäre ich süffisant, so würde ich sagen: Das Gesamtbild wirkt so, wie man sich in den 60er-Jahren die Zukunft vorgestellt hat. Aber eigentlich ist Süffisanz hier nicht angebracht; der Ort strahlt tatsächlich eine magische Energie aus, religiöse Symbole sind übrigens nicht zu finden.

Oben angekommen, sehe ich den Kristall. Es ist eine Kugel, die von oben durch einfallendes Sonnenlicht erleuchtet wird; wie magisch scheint er zu schweben und zu strahlen. Drum herum sitzen Menschen im Schneidersitz auf weißem Teppichboden vor den weißen, gebogenen Wänden der Halbkugel; sie meditieren. Und auch wir haben nun eine halbe Stunde Zeit dafür. Ich setze mich also hin, schließe die Augen und atme bewusst, um mich auf ein anderes spirituelles Level zu bewegen.

Es will mir nicht gelingen.

Denn im Ashram war es zwar ruhig, aber nicht vollkommen still gewesen – hier hingegen herrscht vollkommene Geräuschlosigkeit außerhalb meines Körpers; und dadurch höre ich, wovor ich mich die vergangenen Monate öfters gefürchtet hatte: Ein leises, permanentes Fiepen in meinen Ohren. Oh Schreck, denke ich mir: Ein Tinitus. Wie lange ich ihn wohl schon habe? Vielleicht schon seit Bangalore? Und ich habe ihn bloß nie wahrgenommen, weil es in Indien stets so laut war? Ist es nun zu spät für schulmedizinische Hilfe? Werde ich mein Leben lang dieses Fiepen im Ohr tragen? „Reg Dich ab, konzentriere Dich auf die Meditation“, sagt ein anderer Teil in meinem Körper: „Das ist eine einmalige Chance, ignoriere das Fiepen jetzt einfach.“ Der verängstigte, westliche Teil meines Gehirns streitet sich anschließend lauthals mit dem spirituellen Teil, der einfach nur in Ruhe vor dem größten makellosen Kristall der Welt meditieren will – und dieser Tumult in meinem Kopf tut mir gar nicht gut, ich fühle mich unzufrieden und komme auf keinen grünen Zweig. Und dann – blink, blink – leuchtet schon ein Licht auf, das den Meditierenden das Ende der halben Stunde einläutet. Wir stehen auf und verlassen die Kugel.

Zurück im Garten erkläre ich Mauna mein Problem: „Ich fürchte, ich habe seit Monaten einen Tinitus, und ich habe es erst jetzt – in der Stille – bemerkt“, jammere ich. Sie schaut mich mit großen Augen an und fragt: „War das ein hoher, gleichbleibender Ton?“. Ich bejahe, und sie lacht: „Das war kein Tinitus, das war das OM!“ Der heilige Ton also, der das Universum erfasst? Ich habe meine Zweifel, bin aber höflich. Ich sage ihr, dass ich das wohl falsch verstanden habe; und sie meint lediglich, das beruhe halt auf meiner westlichen Sichtweise. Irgendwie meine ich, zwischen den Zeilen ihrer Aussage ein „Du Trottel“ vernehmen zu können; ich hätte mich auf den Ton konzentrieren sollen und mit ihm meditieren, statt ihn zu ignorieren, sagt sie.

Naja. Ich zweifle die Aussage weiterhin für mich selbst an und nehme mir vor, in Österreich zu einem Arzt zu schauen, solle das Problem weiter bestehen – vermutlich, so fürchte ich, werde ich es wohl in den kommenden Wochen noch weiter hören. Ich verabschiede mich freundlich und fahre mit dem Auto weiter; zuerst nach Mahabalipuram, und dann weiter nach Chennai.

Am Abend des gleichen Tages liege ich in einem Bett, am Stadtrand von Chennai; und es ist totenstill. Komplett still. Mein vermeintlicher Tinitus, so stelle ich erstaunt fest, ist verschwunden.