NIN punkten durch Offenheit

Es ist ja nicht wirklich eine Neuigkeit, wenn Bands die Lieder ihres neuen Albums zum 30-Sekunden-probehören auf die Homepage stellen – denn die „try before buy“-Mentalität ist nicht zuletzt ein netter Marketing-Gag, mit dem wir zum Kauf überredet werden sollen. Das ist nett, aber es ist noch bedeutend mehr möglich.

So etwa das, was Nine Inch Nails mit ihrem neuen Album „Year Zero“ anstellen: auf der Unterseite http://yearzero.nin.com stehen der Großteil der Songs nämlich als Multi-Track-downloads zur Verfügung. Das bedeutet: die Dateien werden runter geladen, können dann in Cubase, Logic oder Garageband importiert werden; anschließend kann der begeisterte Hobby-Musiker damit machen, was er will: Tracks löschen und durch eigene ersetzen, neue hinzufügen und am Ende natürlich alles exportieren.

Finde ich lustig. Beispielsweise könnte man die (bei NIN immer extrem verzerrten) Gitarren-Riffs durch Akustikgitarren ersetzen – oder gleich durch ein Didgeridoo? Und mit den Stimmeneffekten von Garageband könnte Trent Reznors verzerrtes Gejaule zum Beispiele auf Soul, Gospel oder Funk getrimmt werden. Die Möglichkeiten sind vielfältig – und teils gruselig.

Innovationen sind gerade im Rock-Bereich in der Vergangenheit leider rar geworden; und dass sich Musiker gerne auf ihr „geistiges Erbe“ setzen wie eine Henne auf ihre Eier ist auch bekannt. Ansätze wie diese zeigen aber, dass Offenheit und Bereitstellung der Schnittstellen und Inhalte zur Weiterverwertung durch Dritte (ja, genau: die Verbindung zum Konzept von OpenSource-Software ist da…) die Beliebtheit eines Musikers durchaus erhöhen können.

Denn ich freue mich jedenfalls schon drauf, den depressiven Computerfreak mit seinem Elektro-Rock am diesjährigen Frequency-Festival live zu sehen. Dafür zahle ich gerne 93 Euro Eintritt – ein bedeutend höherer Betrag als jener, den ich für’s Album gezahlt hätte.